Was tun bei psychischem Druck durch Schulden

Seit über 15 Jahren sind die Landwirtschaftlichen Familienberatungen der Kirchen in Baden-Württemberg tätig. Die Auswirkungen der negativen Einkommensentwicklungen in der Landwirtschaft in den letzten beiden Jahren zeigen einen wachsenden Teil in der Beratung, der von Schuldenproblemen geprägt ist. Zur Lösung gibt es keine einfachen Patentrezepte, meist müssen die Möglichkeiten sehr individuell geprüft werden. Häufig sind aber typische Reaktionsmuster bei Schwierigkeiten mit Schulden zu beobachten.
 
Was zu beachten ist und wie sie in der Familie auf Schuldenprobleme reagieren können, soll im Folgenden dargelegt werden

Wachsende Sorgen und Ängste bei Schuldenproblemen

Die Umsetzung neuer Richtllinien bei der Kreditvergabe nach Basel II sind schon länger spürbar. Sicherheiten wie die Hofstelle mit landwirtschaftlichen Nutzflächen verlieren an Gewicht, die Wirtschaftlichkeit des Betriebes gewinnt an Bedeutung. Bereits jetzt reagieren die Banken: Zum Beispiel wird ein verlängerter Kredit nicht mehr zu den bisher günstigen Konditionen gewährt.

In wirtschaftlich besonders kritischen Situationen gehen auch schon Rechnungen oder Abbuchungen bei Ausreizung der Überziehungslinie des Girokontos zurück. Im Einzelfall kündigt die Bank sogar vollständig die Überziehungslinie oder kürzt diese deutlich. Diese Situation ist für den Landwirt als Schuldner bedrängend.

Der Schuldendruck führt zu Ängsten und Sorgen. Oft setzen dann Reaktionsmuster ein, mit denen die Probleme nicht gelöst, sondern vor sich hergeschoben werden. Durch anhaltende akute Zahlungsschwierigkeiten können dann Pfändungsmaßnahmen der Gläubiger bei staatlichen Ausgleichszahlungen oder anderen Einnahmen greifen, die dann wieder bei den Ausgaben für Familie und Betrieb fehlen. Ein wachsendes Problem bei immer mehr landwirtschaftlichen Familien.

Folgende Reaktionsmuster können die Schuldenprobleme weiter verschärfen:

Schuldenprobleme verdrängen bedeutet: wachsende Probleme

  • Verschweigen der Probleme in der Familie - nicht nur gegenüber den Eltern oder Betriebsübergebern sondern auch gegenüber dem Ehepartner oder dem Hofnachfolger als künftigen Übernehmen. So können nicht einmal innerhalb der Familie gemeinsame Gegenstrategien überlegt werden.
  • Flucht in die Arbeit, doch Mehrarbeit ist bei schon (zu) hoher Arbeitsbelastung nicht beliebig ausdehnbar und löst auch meist das Problem nicht! Bei einem Wettlauf zwischen Mehrarbeit gegen Zins- und Tilgungsbelastungen bewegen sich die Schuldner meist in einem Hamsterrad ohne Aussicht auf nachhaltigen Erfolg: Ist die eine Rate oder Rechnung endlich bezahlt, wartet schon wieder die nächste überfällige Zahlung.
  • Ausweichen eines Gesprächs mit der Bank bzw. Gläubiger, weil die Situation unangenehm ist oder sich die Gesprächsatmosphäre im letzten Jahr (weiter) verschlechtert hat.
  • Keine Zeit für das notwendige Finanzmanagement in einer Krisensituation. Man bleibt bei der Gewohnheit, dass es in guten Zeiten einfach nebenher bewältigt werden konnte.
  • Dem Gläubiger gut gemeinte, aber falsche Hoffnungen auf zu erwartende Einnahmen machen. Häufig werden dabei zeitnahe notwendige, betriebliche Kosten und private Lebenshaltung oder die Sozialversicherung übersehen, um den Gläubier mit Hilfe der nächsten großen Einnahmen zu besänftigen. Das Ergebnis führt nur zu neuer Enttäuschung beim Gläubiger und verschärft die Spannungen.
  • Weiterwachsen der Sorgen bei Verschärfung der Probleme. Spüren von wachsendem Unverständnis bei Gläubigern, Geschäftspartnern und auch in der Familie.
  • Zunehmende Gereiztheit, Schlafstörungen, sinkende Leistungsfähigkeit, Gefühle von Ohnmacht gegenüber der finanziell akuten Situation. Es bleiben nicht nur Rechnungen liegen, sondern es kommt zu Mahnungen, ersten Titulierungen oder Vollstreckungsmaßnahmen der Gläubiger in Form von Pfändungen.

Wenn ein oder mehrere der aufgeführten Punkte zutreffen, sollten unbedingt alternative Ansätze und Strategien innerhalb der Familie gesucht werden. Hier geht es noch nicht darum, gleich eine Lösung zu haben, sondern den Weg für eine Lösung erst vorzubereiten.

Die Schuldenprobleme ansehen ist der erste Schritt für eine Lösung!

  • Sprechen Sie über das Schuldenproblem in ihrer Familie, zumindest aber mit ihrem Ehepartner. Erwachsene Kinder, die noch im Haushalt leben, sollen einbezogen werden.

  • Versuchen Sie das Schuldenproblem möglichst ruhig zu erfassen und anzugehen. Überlegen Sie, seit wann die Probleme bestehen, wie Sie bisher damit umgegangen sind und ob es größer oder kleiner geworden ist.
  • Verschaffen Sie sich einen Überblick über alle Verbindlichkeiten (Darlehen, Lieferantenkredite, Girokonto, offene Rechnungen) incl. Laufzeiten mit Fälligkeiten aller Zins- und Tilgungsleistungen.
  • Wenn Ihnen das schwer fällt, überlegen Sie, wer Ihnen dabei helfen kann. Gibt es jemanden in der Familie oder im Freundeskreis, der hierfür vertrauenswürdig und kompetent ist?
  • Bestehen Schuldenprobleme schon über längere Zeit bzw. mehrere Jahre, sollten Sie in jedem Fall externe fachliche Beratung einbeziehen. das kann das Amt für Landwirtschaft, die Buchstelle, der Berufsverband oder die landwirtschaftliche Familieberatung sein.
  • Ist die Gesprächsatmosphäre mit der Bank bereits sehr angespannt, überlegen Sie frühzeitig, wen Sie in ein Bankengespräch einbeziehen können. Es kann evtl. die unterstüzende Person aus dem Familien- oder Freundeskreis sein. Überfordern Sie aber diese Person nicht. Bei größeren Problemen sollte der externe Experte oder die Expertin mit am Tisch sitzen.
  • Sollten in der nächsten Zeit weitere oder größere Zahlungsschwierigkeiten auftreten, gehen Sie möglichst vorher aktiv auf die Bank zu und sprechen Sie die Probleme an. Wenn Sie den Gläubigern falsche Hoffnungen machen und diese enttäuschen müssen, verlieren Sie nur Vertrauen.
  • In jedem Fall ist es wichtig, bei schwieriger Liquiditätslage kurz- und mittelfristige Maßnahmen verhandeln zu können. Dabei reicht es oft nicht, (allein) auf die Hilfe der Bank zu vertrauen.
  • Bereiten Sie sich mit Ihrem Partner bzw. Berater auf Gespräche mit der Bank vor. Gehen Sie kritische Fragen durch. Klären Sie vorher, welche Unterlagen mitzubringen sind.
  • Legen Sie den Termin so, dass Sie sich nicht abhetzen müssen. Achten Sie darauf, dass - abgesehen von der Nervosität - Sie sich möglichst gut fühlen und z. B. nicht hungrig oder durstig in das Gespräch gehen.
  • Lassen Sie das von Ihnen entwickelte Konzept vor dem Gläubigergespräch von externen Fachleuten prüfen: Dann können Sie stärker auf Ihr Konzept bauen und vertrauen; lassen Sie sich dann nicht aus der Fassung bringen.
  • Wenn schwierige Entscheidungen drohen, wie Substanzverkäufe oder die Auflösung von Kapitallebensversicherungen als Vorgriff auf die zusätzliche Altersvorsorge, löst dies oft Unsicherheiten in der Familie aus. Vermeiden Sie, Meinungsverschiedenheiten z. B. mit Ihrem Ehepartner vor dem Gläubiger auszutragen. Klären Sie kritische Fragen besser vorher gesondert mit dem Berater Ihres Vertrauens.
  • Überlegen Sie, was Sie benötigen, damit Sie sich in dem Gespräch als Schuldner nicht ausgeliefert fühlen.
  • Andererseits sollen angesprochene Schuldenprobleme auch nicht einfach überspielt werden. Nehmen Sie auch die Sichtweise der Bank oder der Gläubiger ernst.

Dargelegte Strategien verbessern noch nicht die finanzielle Lage, sie sind jedoch Voraussetzung für einen Weg der Verbesserung. Oft bestehen Schwierigkeiten für die Familie darin, genauer auf die finanzielle Situation hinzusehen, da sie eine Bedrohung für die Existenzgrundlage darstellen können.

Wenn es frühzeitig gelingt, die Probleme anzusehen und daraus neue Perspektiven abzuleiten, können oft auch betrieblich neue Wege gefunden werden, die zu einer deutlichen psychischen Entlastung der Familie durch Abbau der Schuldenprobleme führen.

Rainer Wilczek, Freiburg, Landwirtschaftlicher Familienberater