Generationskonflikte verstehen

Warum ist das Zusammenleben nur so schwierig? Es könnte so schön sein! Viele Vorteile und Chancen liegen darin, wenn Jung und Alt gemeinsam auf dem Hof leben und arbeiten. Die Altenteiler finden eine sinnvolle Arbeit auf dem Hof und können sich an ihren Enkeln erfreuen. Die junge Generation kann Unterstützung finden in der Kinderbetreuung, der Arbeit auf dem Hof oder in der Küche. Und auch die Kinder profitieren durch den Kontakt mit ihren Großeltern, in denen sie zusätzliche Bezugspersonen, Gesprächspartner und Lehrer finden.

Doch das gute Gestalten des Zusammenlebens der Generationen scheint eine mindestens ebenso schwierige Aufgabe zu sein wie die Bewältigung der wirtschaftlichen Herausforderungen. In den Beratungsanfragen bei der Bäuerlichen Familienberatung Diözese Augsburg stehen die Generationenkonflikte jedenfalls an oberster Stelle, noch vor den finanziellen Problemen.

Was macht das Zusammenleben so schwer?

Verstehen ist oft ein erster Schritt hin zur Veränderung - oder zur Aussöhnung mit etwas, das nicht verändert werden kann. So möchte ich im Folgenden versuchen, auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen bei der Bäuerlichen Familienberatung, wichtige Ursachen der Generationenkonflikte aufzuzeigen. Lösungswege werden dann daraus erkennbar, auch wenn es für den einzelnen sicher nicht leicht ist diese Wege zu gehen.

Mangelnde Abnabelung des Mannes

Im ersten Ursachenkreis geht es um die nicht aufgelösten Elternbeziehungen seitens des Mannes oder auch der Frau. Offenkundig ist dies meist zunächst bei den Männern. Sie haben es immer wieder besonders schwer, sich von der eigenen Familie abzunabeln und zu emanzipieren.

So verlor zum Beispiel ein Landwirt sehr früh als Kind seinen Vater. Mutter und Sohn mussten die Landwirtschaft alleine weiterbringen und sie wurden dabei ein gutes Team, besser noch als Vater und Mutter es waren. Die Mutter lebte ganz für ihre Landwirtschaft und den Sohn. Kaum nahm sie sich Freiräume für eigene Interessen, für Kontakte nach außen, oder persönliche Freundschaften.

So durchlebte der Sohn die Pubertät und wurde erwachsen, eng eingebunden in dieser Beziehung zu seiner Mutter und der Landwirtschaft. Es ging ihm nicht schlecht, denn er hatte eine wichtige Rolle inne, auf dem Hof und bei seiner Mutter.

Aber für das, was normalerweise in der Pubertät stattfinden sollte, war kein Raum: sich in Konflikten, Streit und Auseinandersetzung von den Eltern abgrenzen und so Stück für Stück zur Eigenständigkeit zu finden. Dies ging solange gut, bis eine junge Frau auf den Hof kam. Dann begann der große Kampf.

Die junge Frau spürte mehr und mehr, dass sie nur die Dritte im Bunde ist und machtlos und erfolglos versucht, ihren Mann zu gewinnen. Zunehmend frustriert und verzweifelt greift sie auch zu unfairen Mitteln und bringt den Konflikt noch weiter zur Eskalation. Die Mutter versteht zunächst überhaupt nicht, was passiert. Es war doch immer Friede, Verständnis und Zusammenarbeit auf dem Hof, bis diese jung Frau kam! Langsam dämmerte es aber dem Sohn, um was es ging: Mit seiner Mutter konnte er keine Zukunft mehr aufbauen. Dazu brauchte er seine Frau.

Mehr und mehr rückte er von seiner Mutter ab und stellte sich auf die Seite seiner Frau. Nun begann die mühsame Arbeit, die Grenzen zur Mutter hin gemeinsam klar abzustecken. Die Aufteilung des Gartens, klare Trennungen im Wohnhaus, die Mitarbeit der Mutter im Stall, bei der Kinderbetreuung .... Über hohe innere Barrieren musste der junge Landwirt dabei steigen. Konnte er das seiner Mutter antun? Immer hat sie doch nur für den Hof und ihn gelebt! Erscheint er nicht ganz und gar undankbar ihr gegenüber? Manchesmal drohte er wieder zurückzufallen.

Ein Stück seiner unterdrückten Pubertät muss er nun in älteren Jahren nachholen und dabei seiner Mutter auch weh tun. - Langsam, Stück um Stück, unterstützt durch Gespräche mit anderen, lernt die Mutter die für sie ganz neue Situation zu akzeptieren und wahrt den Grenzabstand zur jungen Familie. Sie arbeitet weniger auf dem Hof mit, und orientiert sich mehr nach außen. Sie knüpft an alten Freundschaften an, pflegt den Kontakt mit den Geschwistern und engagiert sich in der Gemeinde. Etwas Friede konnte auf dem Hof wieder einkehren.

Auch ohne dass der Vater stirbt taucht dieses Konfliktmuster immer wieder auf. Dann zum Beispiel, wenn die Partnerschaft der Eltern die Beziehungssehnsucht der Mutter nicht stillen kann, sei es, weil die Ehe schlecht funktioniert, oder auch weil sie noch aus der eigenen Kindheit einen ungestillten Hunger nach naher Beziehung mit sich bringt und nun diese beim Sohn zu finden hofft. Die ausgegrenzten Väter reagieren dann manchesmal böse, jähzornig und aggressiv, auch wenn sie natürlich selbst ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Streit zwischen Vater und Sohn

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist ein ganz besonderes: Für den Sohn ist der Vater zunächst Vorbild für seine männliche Identität. Von ihm ersehnt er sich als Kind ganz besonders, Anerkennung, Lob, Unterstützung und Förderung, Ermunterung und Bewunderung aber auch direkten körperlichen Kontakt. Einen Teil seiner Sicherheit als Mann wird er später daraus beziehen. Und eine tiefe Wunde hinterlässt es im Sohn, wenn er diese emotionale Zuwendung nicht bekommt. Eine unterschwellige Frustration und Wut kann hier seinen Ausgang haben und später zu jahrelangem Streit führen.

Für den Vater wiederum wiederholt sich im Kontakt mit seinem Sohn, seine eigene Sohn-Vater Beziehung. Was er selbst nicht bekommen hat, fällt ihm schwer weiterzugeben. Erschwerend kann dann noch hinzukommen, dass seine Frau versucht den Sohn für ihre Seite zu vereinnahmen und sich mit ihm gegen den Mann zu verbünden. Eifersucht und Wut des Vaters kann dann den Sohn anstatt der Frau treffen. Oder auch, dass der Vater mit seinen eigenen Leistungen und Erfolgen nicht zufrieden ist, und dem Sohn die seinen neidet.

Immer sind die Väter auch versucht Erwartungen in die Söhne zu legen, das fortzusetzen was sie begonnen haben, und das zu erreichen, was sie gerne erreicht hätten. Fühlen die Söhne sich damit überfordert und entsprechen nicht diesen Erwartungen können die Väter sehr enttäuscht reagieren.

Ein Lösung in diesen Konflikten kann oft nur darin liegen, das Begrenzte in der Vaterbeziehung zu betrauern und anzunehmen, und es aufgrund der Familiengeschichte etwas verstehen zu lernen. Dann kann vielleicht später in älteren Jahren noch manches mit dem Vater nachgeholt und versöhnt werden. Aber zumindest mit der nächsten Generation, den eigenen Söhnen, sollte versucht werden das Miteinander ein Stück "heiler" zu gestalten.

Die junge Frau erhofft sich "Ersatzeltern"

Eine Bäuerin erzählt: "Am Anfang war alles so harmonisch und gut! Ich habe mich von der Familie meines Mannes gleich sehr angenommen und willkommen gefühlt. Vieles war so ganz anders als bei meinen Eltern, so, wie ich es mir zuhause auch mehr gewünscht hätte. Es war fast so wie eine neue Familie, in der ich endlich glücklich sein konnte. - Wie das dann plötzlich umgekippt ist, ist mir immer noch nicht ganz klar.

Es waren wohl mehrere Kleinigkeiten, die mich aber sehr verletzt haben. Ich war plötzlich zutiefst enttäuscht über meine Schwiegereltern und über die Geschwister meines Mannes. Dass diese auch Schattenseiten haben, wollte ich zu Beginn ja gar nicht wahr haben. Aber jetzt traf es mich umso tiefer und die Enttäuschung war groß. Sehr lange trug ich daraufhin eine riesen Wut, einen tiefen Groll mit mir herum, der mir alles Leben hier auf dem Hof zu vergiften schien. - Erst nun, viel später wird mir klar, dass ich von meinen Schwiegereltern einfach zu viel erhofft und erwartet habe.

Den Mangel, den ich von zu Hause mitbrachte, hoffte ich von ihnen gefüllt zu bekommen. Aber meine Schwiegereltern sind nicht dazu verpflichtet meine perfekten Ersatzeltern zu sein und alles richtig zu machen. Ich selber bin erwachsen, und dafür verantwortlich gut für mich zu sorgen! Mühsam muss ich es nun lernen, mich im Guten von meinen Schwiegereltern abzugrenzen, Raum für mein eigenes Leben hier auf dem Hof zu schaffen und dafür zu kämpfen. Mehr als früher bin ich auch wieder im Kontakt mit meinen eigenen Eltern, wo es noch manches in Ordnung zu bringen gibt."

Generationenkonflikte und Paarbeziehung

Generationenkonflikte und die Paarbeziehung sind eng miteinander verwoben. Generationenkonflikte führen z.B. dann zu Paarkonflikten bei der jungen Generation, wenn die Frau sich in der Auseinandersetzung mit den Schwiegereltern im Stich gelassen fühlt oder wenn der Mann der extrem ablehnenden Haltung seiner Frau nicht mehr folgen kann. Andererseits können durch die Konzentration auf die Konflikte mit den Eltern, Paarkonflikte überspielt und zugedeckt werden. Anstatt sich mit seinem Partner auseinander zusetzten streitet man dann lieber mit den Eltern.

Grundsätzlich ist es für den Verlauf der Generationenkonflikte günstig, wenn die Ehepartner an einem Strang ziehen. Denn, fühlt sich z.B. die Frau von ihrem Mann im Stich gelassen, wird ihre Enttäuschung und Wut noch größer und ihr Mann kann ihr dann noch weniger folgen. Die Konflikte eskalieren weiter! Fühlt sich auf der anderen Seite der Mann in seinen Ablösungsschwierigkeiten von den Eltern von seiner Frau nicht verstanden und nur getadelt und unter Druck gesetzt, lähmt es ihn noch mehr in seiner Zerrissenheit.

Grenzen müssen erkämpft werden

Die Lösung von Generationenkonflikten liegt fast immer in der gleichen Richtung: Es geht darum, sich von den Eltern weiter abzunabeln und abzugrenzen und für das Gelingen des eigenen Lebens selber Verantwortung zu übernehmen. In der Pubertät wird dies oft schon zu einem guten Stück durchgekämpft. Oft ist aber in der Zeit der Pubertät nicht wirklich die Möglichkeit gegeben, Konflikte mit den Eltern gut auszutragen. Muss dies dann später noch nachgeholt werden ist es oft umso heftiger. Erschwert wird es noch dann, wenn die Eltern mit ihrem Leben ganz auf die Jungen und den Hof fixiert sind und in ihrem eigenen Leben, in ihrer eigenen Partnerschaft wenig Erfüllung finden.

In der Abgrenzung geht es darum, die eigene Privatsphäre und die Eigenständigkeit in der Arbeit zu schützen. Vielleicht müssen die Wohnbereiche besser getrennt, Mauern eingezogen, Türen geschlossen, Sichtschutz errichtet werden, vielleicht die Arbeitsbereiche und Zuständigkeiten besser abgesprochen und getrennt werden. All dies aber nicht aus Wut gegen die Schwiegereltern/Eltern, sondern aus Entschlossenheit zum eigenen Leben. Sonst schießt man über das Ziel hinaus und verbaut sich das hilfreiche Miteinander wo es noch möglich wäre. Wenn es gut geht, ist nach einer Phase von Distanz und sich gegenseitig in Ruhe lassen auch wieder ein Stück Annäherung möglich.

Das Eigenständig und Eigenverantwortlichwerden gelingt aber nur wirklich, wenn es möglich wird sich mit den Fehler und Mängeln der Eltern auszusöhnen und an deren Stärken anzuknüpfen.

Markus Hirt, Augsburg, Landwirtschaftlicher Familienberater