Stress in der Krise

Eine Herausforderung für die Generationsbeziehung

Da Arbeit und Familienleben in vielen landwirtschaftlichen Betrieben eng verwoben sind, äußert sich der Stress vor allem auch in spannungsgeladenen Familienkonstellationen. Als Beispiel sei der Generationenkonflikt herausgegriffen. Die ältere Generation übernimmt hier häufig den traditionsverhafteten Part, während die jüngere Aufgeschlossenheit und Anpassungsbereitschaft verkörpert. Unter der Voraussetzung gegenseitiger Akzeptanz und der Fähigkeit, offen zu kommunizieren, wirkt diese Spannung befruchtend.

Das konstruktive Austragen von Konflikten trägt dazu bei, die unterschiedlichen Positionen ernst zu nehmen, wodurch Veränderungen gründlicher geplant und überstürzte Fehlentscheidungen vermieden werden. Bereits vorhandene innerfamiliäre Beziehungsstörungen tragen jedoch dazu bei, dass vor allem bei Hofübergaben problematische Konstruktionen entstehen, die in vorhersehbare menschliche und ökonomische Krisen führen. Aber auch die Zusammenarbeit mehrerer Generationen auf dem Hof wird beeinträchtigt, wenn die unterschiedlichen Haltungen unter der gegenseitigen Abwertung leiden.

Der Konflikt zwischen Traditionsbindung und Anpassungsbereitschaft kann noch weitere familiäre Gräben ziehen. Die eheliche Partnerschaft wird etwa dadurch belastet, oder komplizierte Dreiecksbeziehungen bilden sich aus, wenn der Vater oder die Mutter mit Kindern Koalitionen eingehen und dadurch den anderen Elternteil in die Isolation treiben. Er übernimmt damit die Rolle eines Sündenbocks, auf den unangenehme Gefühle abgewälzt werden.

Eine andere konfliktträchtige Konstellation entsteht, wenn sich die Großelterngeneration mit den Enkelkindern gegen die mittlere Generation verbündet. Eine besonders dramatische Variante hierzu ist etwa der Fall, dass die Großeltern den Hof an ein Enkelkind überschreiben, um dem Sohn oder der Tochter gegenüber Misstrauen und Geringschätzung auszudrücken.

Diese zwischenmenschlichen Konflikte sind jedoch meist nicht auf den innerfamiliären Bereich beschränkt, sondern erfassen auch das soziale Umfeld. Die Bindung an den "Hof" tangiert Verwandte und Nachbarn und führt zuweilen zu Frontenbildungen, die den innerfamiliären Konflikt zuweilen immer verwirrender und unlösbarer erscheinen lässt.

Darüber hinaus schafft die zunehmende finanzielle Abhängigkeit der Landwirtschaft weitere Verstrickungen, in die offizielle Ämter, Beratungseinrichtungen, Gläubiger und so weiter verwickelt sind.

Es geht jedoch hier nicht darum, einen umfassenden Katalog inner- und außerfamiliärer Beziehungsstörungen aufzustellen. Die angeführten Beispiele sollen lediglich als Beleg dafür gelten, dass der Anpassungsdruck, der heute die Landwirtschaft insgesamt erfasst, auch das soziale Beziehungsnetz von Bauern in Mitleidenschaft zieht und sich in schwerwiegenden Konflikten des Zusammenlebens widerspiegelt. Das bedeutet Risiko und Chance gleichzeitig.

Stabile Beziehungssysteme werden durch Stress angeregt, in sachlichen Auseinandersetzungen bislang unbemerkte Ressourcen zu entdecken, die dazu beitragen, die Krise zu meistern. Das kann dazu führen, dass erstaunliche betriebswirtschaftliche Lösungen gefunden werden, mit deren Hilfe Landwirte in ökonomisch aussichtslos erscheinender Lage überleben.

Dennoch können ungünstige zusätzliche Belastungen wie Krankheiten, Todesfälle, Missernten, die Aufeinanderfolge unglücklicher Ereignisse und so weiter Landwirte und ihre Familien mit der konstruktiven Bewältigung der Krisen überfordern. Hier ist es hilfreich, sich Hilfe von außen zu holen, damit die Familie wieder zu einer befriedigenden Lebenssituation zurück findet.

Professor Hans Goldbrunner, Essen, Gesamthochschule