Rollenkonflikte: Partner oder Vorgesetzter

"Bei uns ist der Wurm drin" Die Stirn von Hugo H. legt sich in Falten. "Mit allen komm ich gut aus, nur mit meiner Frau nicht. Sag ich 'Mach dass so', hört Sie nicht hin, sag ich 'Da hast Du was vergessen' ist Sie beleidigt. Auch sonst läuft nichts mehr zwischen uns. Das macht mich fertig. Der Hof ist doch unsere Existenz - ich will doch nur die Arbeit schaffen und in Frieden leben." Als Gisela vor 6 Jahren zu Hugo auf den Betrieb kam, ließ sie sich gern von ihrem Mann leiten. "Das ist für mich wie ein Dauerlauf" sagt die gelernte Arzthelferin: "Am Anfang macht es Spaß, aber dann wird es anstrengend und schließlich kannst Du nicht mehr und sollst trotzdem immer weiter laufen. Ich bleibe doch nur noch der Kinder wegen."

Ist jeder für sich allein, sehen Gisela und Hugo fassungslos auf ihre Ehe und fragen sich, wie es dazu kommen konnte. Sind sie zusammen, schweigen Sie oder machen sich Vorwürfe: "Mach doch einmal eine Arbeit richtig!" oder "Warum kannst Du mich immer nur schlecht machen?" Fassungslos sind auch wir Außenstehende und neigen dazu, der einen oder anderen Partei den Rücken zu stärken: "Es ist schlimm wie Dein Mann Dich behandelt, wehr Dich doch mal richtig!" oder "Ich wundere mich auch, dass Deine Frau nicht mehr schafft, sag Ihr doch mal kräftig die Meinung!".

Diese Ratschläge sind nicht hilfreich, sie führen unser Paar noch tiefer in den Teufelskreis der gegenseitigen Verletzungen hinein. Aber wie kommen die beiden da heraus? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Ausweg zu finden. 

Die Fragen nach dem "Warum" des eigenen Verhaltens werden Hugo und Gisela nicht beantworten können, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen. Vielleicht wird Hugo davon erzählen, was der Hof, die Heimat, für ihn bedeutet, wie die Verantwortung auf ihm lastet, und das es ihn kränkt, wenn Gisela nicht voll bei der Sache ist. Möglicherweise wird er auch entdecken und mitteilen, wie wertvoll für ihn Geborgenheit, Ehe und Familie sind. Vielleicht wird Gisela davon berichten, das schon ihre Mutter die Rolle der selbstlosen "Dienerin" innehatte und daraus die Stärke, Bestätigung und Anerkennung bezog, nach der sie sich so vergeblich sehnt. Möglicherweise wird sie entdecken und mitteilen, wie wichtig für sie neben der Ehe auch ein Stück Eigenständigkeit ist.

Bei den eigenen Bedürfnissen angekommen, besteht die Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen Hugo und Gisela, ohne Gewinner und Verlierer. Vielleicht prüft Gisela die Möglichkeit, auf dem Hof einen Bereich in eigener Verantwortung zu führen, oder außerhalb des Familienbetriebes zu arbeiten. Vielleicht probiert sie aus, in Zukunft auf die Rolle der selbstlosen Dienerin zu verzichten. Möglich dass Hugo entdeckt, dass eine eigenständige und selbstbewusste Frau seinen Bedürfnissen nach Sicherheit, Geborgenheit und Erhalt des Hofes sehr viel besser nachkommt als eine Frau die als unbezahlte Arbeitskraft für ihn arbeitet. Vielleicht entdeckt Hugo genug Selbstwert, um auf die Abwertung seiner Frau verzichten zu können.

Volker Willnow, Hohebuch, Landwirtschaftlicher Familienberater